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Leben ohne Internet?

Internet und Untergang

Es ist verrückt, wie widersprüchlich meine Gefühle sind, wenn es um meine Einstellung zum Internet geht. Einerseits empfinde ich die uns damit gegebenen Möglichkeiten als Bereicherung meines Lebens.

Das hat weniger damit zu tun, dass das Web längst alle Lebensbereiche durchdrungen hat, sondern vielmehr damit, dass sich durch das Internet Chancen aufgetan haben, die mit dem Schlagwort der „digitalen Revolution“ zu abstrakt beschrieben sind.

Als Blogger ist es besonders naheliegend, vor allem die Möglichkeiten zu schätzen, ganz unabhängig, frei von jedwedem Zwang, publizieren zu können. Andererseits belasten mich die Schattenseiten. Wer austeilt, muss halt einstecken können oder es lernen. Der Prozess ist schwierig.

Die negative Sicht auf die Entwicklung rund um das Web nimmt klar zu. Ich bin überzeugt davon, dass das Gerede von der zu schaffenden Medienkompetenz nicht dazu führt, dass wirklich was geschieht. Die Leute reklamieren die Freiheiten des Internets und vertreten häufig die Meinung, dass jedwede Beschränkung dieser „Freiheit“ Eingriffe in die Meinungsfreiheit darstellen würden. Dass die Folgen dieser „Freiheit“ dazu führen könnten, dass die Demokratie zerstört wird, sehen sie nicht. Unter gar keinen Umständen. Das „Spielzeug“ Internet legen sie nie wieder aus der Hand und verteidigen es mit Zähnen und Klauen.

Vor ein paar Monaten hat die Telekom hier 100 Mbits/s eingerichtet. Damit bin ich (hier aufm Dorf) gut vorbereitet und kann Zeuge einer fortschreitenden Digitalisierung werden, vor der so viele warnen.

Einfach nicht mehr bloggen.

Ich „kenne“ einige, die das – oft genug zu meinem Leidwesen – von heute auf morgen getan haben. Sie haben auch nicht wieder neu begonnen. Sie sind einfach fort. Im Datennirvana untergetaucht. Für mich lautet die krasse Erkenntnis: es geht wirklich, ganz ohne Blog zu leben.

Seit 1996 hatte ich zunächst lockeren (BTX) und mit und mit verstärken (Modem) bis permanenten Kontakt mit dem Internet. An das Gezirpe des Akkustikkopplers kann ich mich kaum mehr erinnern und an die Ansage „Sie haben Post“ auch nicht mehr so sehr. Wohl allerdings daran, wie quälend langsam das früher vor sich ging.

Ich war dabei und der Einfluss der Wunderkiste Internet auf mich wurde von Jahr zu Jahr stärker.

Kein Internet?

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Wenn das Internet mal ausfällt bin ich unausstehlich – sagt meine Frau. Es ist egal, ob der Provider schuld ist oder ob die Hardware einen Knall hat. Wenn ich den Schuldigen dafür ausmache, ist er fällig. In diesem Fall kann ich richtig unangenehm werden. Das hat pathologische Züge.

Musikhören, Lesen, Video’s gucken, TV, Bilder bearbeiten – all das manchmal gleichzeitig. Ohne Internet wäre das alles nicht drin. Mein Großneffe (3) wird es nicht fassen können, wie wir je ohne die ganzen Möglichkeiten überhaupt leben konnten. Statt der längst so selbstverständlich gewordenen E-Mail oder What’s-up-Nachricht an Freunde und Bekannte wären wir auf Telefonate oder SMS beschränkt.

Auch ich möchte diese Möglichkeiten nicht mehr missen. Nur – die Skepsis, von der ich gesprochen habe, wächst.

Wie schön, dass das Internet immer mobiler wird.

Ich sitze zwar am liebsten in meiner Schreibtischecke und bastle am Blog herum, wenn ich gerade nicht weiß, was ich schreiben soll. Aber ich weiß die Möglichkeiten von Tabletts oder Smartphones unterwegs immer stärker zu schätzen. Seit die Displays der Smartphones eine anständige Größe haben, kann ich nachvollziehen, warum immer mehr Menschen mit mobilen Geräten im Internet unterwegs sind.

Allerdings gehöre ich noch nicht zu denen, die mit gesenkten Häuptern durch die Straßen laufen, weil sie die Augen nicht vom Smartphone abwenden mögen. Beim Friseur, im Wartezimmer, als Beifahrer, im Bus oder im Cafe nutze ich es auch – anstelle der ausliegenden Lesezirkel. Eine echte Alternative 🙂

Die neusten Nachrichten sind nur einen Griff in die Hosentasche entfernt. Sogar beim Waldspaziergang habe ich es fertig gebracht, das Smartphone zu befragen oder ein paar Sprachnotizen aufzunehmen, damit ich den Gedanken nur ja nicht vergesse.

Es fällt mir wirklich schwer, mir (m)ein Leben ohne Internet vorzustellen. Ich schaue immer noch die Nachrichten (nur bei den öffentlich-rechtlichen Sendern) und lasse mich diesbezüglich nicht beirren. Trotzdem lese ich sehr viel im Internet. Sogar da, wo ich mir das Lesen fast physische Schmerzen bereitet. Nein! Nicht deshalb, weil dort eine andere Meinung vertreten wird. Weil andere Meinungen dort nicht mehr erwünscht und sogar gar nicht mehr zugelassen werden.

Vielleicht wird das Internet zum Totengräber der Demokratie.

Diese Sorge habe ich manchmal. Es ist längst nicht mehr so, dass ich – wie anfangs – daran glaube, dass es den Demokratien frischen Atem verleihen wird.

Ich tröste mich damit, dass es ja doch etwas anderes ist, ob man sich im Internet zu gesellschaftlichen Fragestellungen äußert oder im wahren Leben. Mancher Soziologe wird vielleicht dabei bleiben, dass das Internet nur ein Spiegel der Gesellschaft sei und meine Sicht als widerlegt betrachten. Dann wäre es umso schlimmer. Denn die Wechselwirkung zwischen all dem Schmutz, der im Internet kursiert und dem Verhalten von Menschen im wahren Leben ist vermutlich nicht mehr zu bestreiten.

Das Internet mit seinen Schattenseiten wie Pornografie, Cyberkriminalität oder den von mir als besonders schlimm wahrgenommenen verbalen Auswüchsen ist Bestandteil unseres Lebens. Übrigens wohl vor allem deshalb, weil es längst einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor darstellt.


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  1. Mir geht es da ganz ähnlich, seit ich 1995 das erste Mal ins Usenet geguckt habe. Auch die beiden Jungs wissen nicht, wie es ohne Internet ist.

    Warum hast Du denn schon wieder ein neues Blog? 😮

  2. Hallo Andreas,

    schon komisch, wenn man bedenkt, wie wenig Zeit (relativ gesehen) seitdem vergangen ist. Und ich finde auch interessant, dass du meine Skepsis zumindest teilweise zu teilen scheinst. Es ist spannend, wohin sich die Sache weiterhin entwickeln wird.

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